die körper in der stadt – tag 3

Bewertungen – Spieglein, Spieglein auf der Mauer

Es gibt Tage, da begegne ich den anderen Menschen in der Stadt und alle sehen irgendwie komisch, krank oder hässlich aus. Wenn ich meine Umgebung als hässlich erlebe, weiß ich schon, dass meine Grundstimmung grad wohl auch nicht die Beste ist.

Es gibt Tage, da sieht man, da sehe ich nur lächelnde Menschen, an jedem zweiten fällt mir etwas auf, das mich fasziniert. Sätze von Komplimenten tauchen auf, im Vorbeigehen. Halbsätze, die nicht über meine Lippen hinaus dringen- wann werde ich mutig genug sein, sie raus zu lassen? In der Zwischenzeit entzücken sie mein Herz und bringen mich zum Lachen.
Momente der Verbundenheit in der Stadt.

Witze und Komplimente

Der Mut, jemanden Fremden etwas Nettes zu sagen, manchmal spürte ich, in Momenten, als ich tatsächlich etwas sagte, dass das Gegenüber irritiert war und meine Zugewandtheit sich dann doch unecht oder einsam angefühlt hat, weil unbeantwortet. Die Gabe der Spontanität, so viele Fettnäpfchen säumen ihren Weg. Spontane Witze. Sehr schwierig.
Die Feuerwehr fährt mit 5 Fahrzeugen mit Signalhorn am Spielplatz vorbei und du sagst im Vorbeigehen zu einer Gruppe ernst drein schauender Mütter: „Wer von uns hat jetzt wohl den Herd angelassen?“ Verständnislose Blicke. OK, war nicht so witzig. Aber irgendwie schon, oder?
Oder auch ein Missverständnis? Dein Gefühl von Verbundenheit ist nur eine Projektion? (Ich muss noch darüber nachdenken, was mich jetzt gerade daran so festhalten lässt.)

Ausweichen und Asynchronizität

Und manchmal trifft man Menschen, und fühlt sich unbehaglich. das sind kleine Momente, wo in mir wie kleine Alarmlämpchen angehen, ich nach Kontrolle suche. Nach außen hin natürlich Poker face. vielleicht versteinerter Gesichtsausdruck, der Unnahbarkeit suggerieren soll. Ich glaube, meine Lichter gehen an, wenn irgendwas im Körper meines Gegenübers sich asynchron Ausdruck verleiht. das kann der Tonfall der Stimme sein, die Geschwindigkeit des Redens, der Ton, der gegen Satzende an Melodie verliert, nur eine kurze Atempause macht, um dann mit Staccato den nächsten Satz anzufügen und ein Redeschwall auf mich einhergeht, wo mein Gehirn nur Zeit hat, mitzudenken, aber nicht den Sinn zu begreifen. So schnell ploppen die Gedanken des Gegenübers heraus.
Es kann ein ausweichender Blick sein, oder ein schief geneigter Kopf, wie bei einer hängenden Marionette.
Ich suche dann in mir, wenn das Gespräch unausweichlich ist, oder man nicht gleich aus der Situation kann, etwas, was mir Halt gibt. Ich würde zum Beispiel nichts konsumieren, angenommen, ich bin im Kaffeehaus, das mich meinerseits wurlig macht und aus dem Lot bringt. Starker Kaffee zum Beispiel. Auf der Straße angehalten, mache ich einen Schritt nach hinten. Wenn mich mein Kind begleitet, lege ich den Arm um seine Schulter und achte darauf, dass es in meiner Nähe bleibt und ich es durchmanövriere. An einer kiffenden Gruppe von Halbwüchsigen vielleicht, die am Spazierweg stehen, gehe ich außen herum und nicht durch, wobei ich Kiffer nicht als Bedrohung wahrnehme.
Ich merke nur, es gibt viele Menschen, besonders in der Stadt, im dicht bedrängten Raum, die neben sich stehen, teils depressiv, teils aggressiv, teils abwesenden Eindruck vermitteln, mit deren Energie ich nicht überschwemmt werden möchte. Vielleicht, weil ich selber diese Zustände kennen, wie es ist, nicht ganz bei sich zu sein. Das merke ich, wenn ich nach einem Arbeitstag vor dem Bildschirm, einmal in der Woche Yoga und Franklin gehe.

Loslassen – plötzlich Körper

Das Steißbeinschwänzchen – Darstellung von Henry Vandyke Carter, Public domain via Wikimedia Communs


Zuerst steht man ruhig da für eine Minute, das ist schon schrecklich, plötzlich fühlst du deine Unruhe, der Kopf möchte das Kommando übernehmen, erzählt dir alles, was du heute nicht geschafft hast, rätselt über Weltpolitik und akute Krisen, von denen wir scheinbar ohnmächtig umgeben sind. Dann gehst du deinen Körper von den Fußsohlen bis zum Kopf durch, beobachtest, wie du da stehst. Spürst du mehr deine Innenkanten, oder doch eher die Außenkanten? Den Ballen oder die Ferse? Dein Fußgewölbe? Sind deine Knie durchgestreckt oder locker? In welche Richtung schaut dein Steißbeinschwänzchen? Bis wohin ging eben noch dein Atem? Meistens bis zum Zwerchfell. Etc. Etc.

Am Anfang ist diese Übung sehr anstrengend, alles zu beobachten ohne es zu bewerten, nämlich. Aber nach mehreren Malen, vielen mehreren Malen, Wochen Training, merkt man tatsächlich, dass dieses abchecken der Körperhaltung und Regionen eine Art von Check-In in den eigenen Körper darstellt.

Dann wird drei Minuten geschüttelt. Dann gehst du ein paar Runden durch den Raum, auch rückwärts. Schon merkst du, dass deine Fußsohlen sich im Gehen abrollen. Dann wird eine Übung speziell mit einem Körperteil gemacht, beispielsweise nur das Abklopfen des Oberkörpers. Am Ende der Übung gehst du wieder durch den Raum, plötzlich merkst du, dass dein Becken sich mit bewegt, und deine Hüften rollen. Du spürst eine Verbindung zwischen Unterkörper, Oberkörper, dein Kopf denkt jetzt nicht mehr er sei Alleinherrscher, sondern du fühlst dich geerdet, angekommen, in deinem Körper präsent. Ruhig und heiter.

Nach 2,5 Stunden Training und Yogaübungen, spüre ich nicht nur meinen Körper, sondern bin so ruhig, dass manchmal unvermittelt Emotionen da sind, plötzlich bin ich traurig, manchmal begleitet von einem konkreten Gedanken. Das fühlt sich erst Mal unangenehm an. Ich nehme es an. Vielleicht kullert eine Träne. Ich lasse es einfach zu und das geht von selbst wieder weg. Die anderen Teilnehmer um mich herum, ich kenne sie schon so lange, dass wir keine Scham voreinander empfinden. Manchmal furzt jemand, manchmal hört man das Schnarchen und Grunzen, in der Endnachspürphase. Ja und, wir sind alle keine Götter! Wir sind Menschen, mit allem was dazu gehört.

Gesänge in der Nacht – Ich und Du


Die Nachhausewege sind das schönste und entspannteste, was ich in der Stadt erlebe. In einer Art Flow gehe ich nach Hause ( eine Stunde). Ich bin ganz bei mir und gleichzeitig offen für meine Umgebung. Die Stimmung und die Vielfalt des nächtlichen Getümmels fühlt sich schön an. Ich lächle viel, manchmal singe oder pfeife ich. (Daran könnt ihr mich erkennen). Das Leben kommt mir dann vor wie ein Geschenk. Banaler Gedanke, eigentlich, aber wie oft am Tag empfinden wir das im Alltag? Berührt uns dieser Gedanke? So sehr beschenkt zu sein.




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