Dieser Text handelt von einer Vase und beschäftigte sich ursprünglich mit der Frage: Gibt es sie, die Menschen, die makellos sind ? Was bedeutet es, ohne Makel zu sein? Tugendhaft und makellos. Liegt die Tugendhaftigkeit nur im Auge des Betrachters und bleiben fehlerbehaftete Handlungen und Makel hinter einer perfekten Fassade verborgen?
Später entdeckte ich, dass es mir nicht um hoch gehaltene Werte, sondern gute Freundschaft besonderer Menschen ging .
Ich möchte euch eine Geschichte von einer alten Dame erzählen. Sie hieß Rosalia.Manchmal wünschte ich mir, ich wäre zu zu ihr in einem familiaren Verhältnis gestanden, aber das tat ich nicht.
Ich lernte sie in einem Altenheim kennen, während meinem Praktikum als Pflegerin. Rosalia kann jeden Dienstag nachmittag, um eine Frau aus dem Heim zu besuchen. Frau Cornelia. Sie machte einen ungeheuren Eindruck auf mich. Sie war eine stolze, alte Frau mit einem so eleganten Auftreten, dass ich jedes Mal, wenn ich sie sah, versuchte herauszufinden, was genau es an ihr war, dass meine Faszination für sie erweckte.
Ich erinnere mich, dass ich einmal Zeugin eines Gesprächs war. Ihre Freundin hatte einen schlechte Nacht erlebt. Der Grund war offenbar gewesen dass ihr eine Unpässlichkeit passiert war, und sie, wie so viele Bewohner des Heims, es nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette geschafft hatte. Sie war darüber voller Scham und Entsetzen, doch war die Beziehung zwischen den Frauen innig genug, dass sie sich ihrer Freundin anzuvertrauen vermochte. „Aber Liebes, das wird dir nicht noch mal passieren! Ich frage dich jetzt: magst du Blumen? Oder Goldfische?“ „Blumen natürlich. “ Gut. Magst du lieber Hosen oder Röcke?“ „Hosen, in meinem Alter.“ Dann ändern wir das! Farbe rosa? „Die Blumen oder die Röcke?“ “ Die Vase, meine Liebe. Sie wird zu einer deiner wichtigsten Begleiterin werden. Immer, wenn du es in Zukunft nicht mehr erwarten kannst, verschwindet die wunderschöne Vase unter deinem schönen Rock, und wenn das nächste Mal die die Schwester kommt, sagst du: “ Schwester, bitte könnten Sie das Wasser wechseln? Die Blumen schauen schon ganz traurig!“ Beide kicherten. Es war schön, die alten Köpfe beieinander zusammen stecken sehen, in einer heiteren Stimmung, die ihnen die Unbekümmertheit von jungen Mädchen verlieh. Ich wünschte, es hätte mehr von diesen pragmatisch denkenden Alten gegeben. Nachdem ich mir selbst meine Überforderung beim Pflegen eingestanden hatte, war ich froh, dass mein Praktikum nach dem Sommer endete.
Über Frau Rosalia hätte ich gerne noch mehr erfahren, wie sie der Mensch wurde, den sie heute verkörperte.
Doch darauf musste ich eine ganze Weile warten. Zwanzig Jahre, um genau zu sein. Und ich verdanke es ihren Briefen an Imre. Andere Geschichte.