Es gibt Menschen, die setzt du irgendwo aus, und sie finden immer den Weg zurück. Die wissen, wo der Norden ist, verwechseln rechts nicht mit links, haben einen guten Orientierungssinn. Ich gehöre zu der anderen Hälfte. Die, die sich prinzipiell verlaufen und wenn sie rechts sagen, links meinen. Deswegen ist es mir so wichtig, vielleicht, denke ich, Strukturen zu erkennen, wenn ich mich wo aufhalte. Und Geschichten oder ihre Spuren erzählen viel über einen Ort.
Ich bin hier nun in diesem Vorort von Rennes, Vézin-le-Coquet. Das kokette Vézin.
Es liegt 6,2 km westlich (das ist links auf der Karte) vom Stadtzentrum, also der place de République und etwa 3 km von der Stadtgrenze. Mit dem Bus fährt man eine viertel Stunde und zu Fuß würde man etwas über eine Stunde gehen.
Es ist ein für mich irritierender Ort. Warum?
Ich habe noch keine klare Struktur erkannt. Es gibt wohl einen Mini-Ortskern, aber der wird gerade demoliert, um funktionelleren Gebäuden Platz zu schaffen.
Es gibt schöne, nett hergerichtete Einfamilienhäuser mit netten Vorgärten.



Es gibt die bunten Betonkisten- Mehrfamilienhäusern, die mehr und mehr und etwas mehr werden.
Das ehemals vornehme Vézin kokettiert mit der Neuzeit und verliert dabei seinen Charme oder was es war. Das geschieht jetzt gerade. Vororte Schicksal wahrscheinlich.
Es gibt eine Hauptstraße mit zwei Apotheken, zwei Busstationen (eine für jede Richtung). Es gibt ein Altenheim, eine Volksschule. Eine toll ausgestattete Mediathek und Bibliothek.
Es gibt asphaltierte Wege, die manchmal gerade, manchmal in Kurven sind.
Es gibt Mistkübel, die in den Boden eingelassen sind ( und trotzdem devastiert sind), es gibt einen offenen Bücherschrank, wo man auch mal eine pinke Gitarre findet ( die war nach einem Tag schon mitgenommen), es gibt einen Gemeinschaftsgarten, eine Pizzeria, einen burmesisches Feinkostladen!
Es ist ein ruhiger Ort, manchmal hört man Vögelgezwitscher, manchmal Musik und Motorenaufheulen von gelangweilten herumstehenden Jugendlichen mit über dem Kopf gezogenen Hoodies. Frauen mit Kopftuch und mehreren Kindern an der Hand auf den Wegen und Frauen mit Halstuch alleinstehend oder mit ihrem älteren Mann ( im Auto). Menschen aller Nationen. Die alteingesessenen, der Mittelstand und die, die seit ca. 10 Jahren aus den Problemvierteln der Hauptstadt Rennes gezielt in den Sozialen Wohnbau in den Vorort verschoben werden. So erzählen es die Taxler, ich muss noch andere Quellen finden. Einmal in der Woche werden, so erzählen Anrainer, die Geschäftsfassaden demoliert, sonst ist es ein beschaulicher Ort, keine Proteste gegen Reformpakete wie in der Stadt, nur beschauliche Langeweile.

Wenn man den Blick über die Häuserdächer erhebt, wird einem die Weite des Himmels auffallen, das Wolkenspiel, das sich jede Minute ändert, man kann den zu erwartenden Regenguss fast auf die Minute bestimmen. Das unglaubliche Licht, sanft und zart und hell, das von einer Klarheit ist, die wahrscheinlich in jedem Reiseführer für jeden pittoresken Ort der Bretagne schon oft beschrieben wurde, und je nach eigener Positionierung, die Hochspannungsleitung, die sich schön quer durch den Ort zieht.

Sukzessive, Zug um Zug, auf meinem inneren Schachbrett, werde ich beginnen die Ränder abzugehen. Heute überquerte ich in charmanter Begleitung die Rue de Rennes (D125) = Hauptstraße in westlicher (?) Richtung.
Ich begegnete alten Bauernhöfen, nur mehr von Einzelpersonen bewohnt, schöne Gemäuer neben einfachen Einfamilienhäusern, plötzlich um die Ecke auftauchenden Kleingärten, Ziegenherden neben toll konstruierten gezimmerten Baumhaus Ritterburgen.

Wir gingen einen Feldweg entlang, der war gesäumt von Bäumen, Heckenrosen und Himbeerstauden, viel grün jedenfalls, unter einem surrenden Hochspannungsleitung durch, bis der rauschende Lärm der route nationale, der N12 nicht mehr zu überhören war..


Wir kehrten um. Bei dem schönen Haus, mit dem großen Tor, das mit dem Grün des Weges verwachsen war.
