Hinaus 21+1

Auf der Autobahn, die hier im Kirschdorf die Spaziergänge begrenzt , fahre ich hinaus ins Grüne und zu dem Blauen. Meer und Fluss.

Irgendwie hatte es der Blauwal geschafft, sich in den gestauten Fluss zu verirren, und er wurde mit Helikopter, Motorboot und viel Tamtam zurück ins Meer getrieben.

Der alte Seebär zieht sich seine ölverschmierte Jeans an und geht den Motor des Boots entwintern.

Ich sitze mit meiner Cousine am Tisch. Oberhalb der Tischkante prasseln nie gehörte Geschichten aus unserer Familie auf mich ein, und unterhalb der Tischkante wuseln drei zärtliche Hunde, die abwechselnd gestreichelt werden wollen, bis sie sich gemütlich zu unseren Füßen legen. In unserem Plauschen lachen und weinen wir abwechselnd. Es tut gut, einander Zeuge zu sein.

Hinaus, hinaus, die Natur umarmen! Die Hunde laufen voraus, unten suchen französische Kinder mit ihren Großeltern nach Muscheln im Watt. Sie rufen und laufen mit ihren Kübeln.

An einem Gartenzaun sitzt eine Frau im Kies und jätet Unkraut, sie hält meine Cousine auf und erzählt ihr von einer anderen Nachbarin, die schwer krank ist.

Jeder kennt jemanden, der krank ist und alle, die Kranken und die sie umsorgenden Gesunden müssen sich die Sorgen von der Leber reden.

Irgendwann steige ich in den Bus, im Haus warten schon die nächsten Gäste.

An der Haltestelle steht ein offener Bücherschrank, wie so viele hier in Frankreich. Ich zupfe mir ein Buch heraus, und schlage es im Bus auf.

Es ist von einer Frau, Geneviève, die ein Buch über ihre Krankheit schrieb, es heißt der Aufschwung, l’Embellie. Wahllos blättere ich und lese von Krankheit, Müdigkeit, Tod. Auf der letzten Seite die Zeilen über ihre Heilung. Im Buchinneren eine Widmung für Maud. Haben es beide geschafft?

In Rennes das volle Leben, Abendsonne.lachende, spielende Franzosen.

Morgen werden an derselben Stelle tausende Franzosen ihre Wut gegen die Politik herausschreien.

Im Bus müde, stille Heimkehrer. Ich bin auch müde, meine Freundin ist müde. Angespannt. Ich erzähle ihr von den Hunden und dem Meer, dass auch dort Menschen erkrankt sind. Sie antwortet, dass die Umwelt voll mit Giften ist. Es klingt verbittert. Sie würde sagen neutral. Ich weiß, das sie Recht hat und will es nicht sehen. Lieber die Haare der Hunde auf meinen Kleidern verehren.

Vielleicht haben wir anderen auf unserer Seite, die nicht schwer erkrankten noch Glück gehabt und uns blüht allen eine schwere Krankheit. Bis dahin haben wir das Glück, dass es sich noch leicht anfühlt, zwischen den Welten zu wandern. Und wir fast jederzeit hinaus schlüpfen können, weil wir die Energie haben und weil wir frei sind uns zu entscheiden.

Ein großes Geschenk. So denke ich im Moment.

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