Die Frau, die über dem Feuerlöscher sitzt und deren Handgepäck nicht unter den Sitz passt. Warum wohl?
Dafür hat sie 5 Personen mehr kennengelernt, als andere.
Der Mann, der in der letzten Minute kommt und der ein Buch über 40 Afroamerikaner liest ( Meine schwarzen Sterne“) und wie sie Rassismus erlebt und bekämpft haben. Warum wohl?
Check. 57 Plätze, 700 kg Gepäcksgewicht. Keine Stehplätze, keine Rollstuhl Plätze.
[Theorie]
Irgendwie das alte Bilder der Solidarität unter Reisenden, das Gemeinschaftsgefühl, die Neugierde, wer sind wir alle hier, es existiert nur auf anderen Kontinenten, auf Instagram wahrscheinlich schon. Nicht in einer Gesellschaft, wo alle müde und abgekämpft aussehen, aber es ihnen noch so gut geht, dass sie nichts teilen und sich nicht mitteilen müssen. Ich nehme an, in osteuropäischen Ländern wird es noch anders sein. „Komm zurück in die Realität, Sophie.“ Höre ich meine Freundin sagen. “ Die Leute wollen einfach nur von A nach B. Dafür muss man nicht gut gelaunt sein.“ Und auch: „und warum sollten sie sich dir anvertrauen? Du reist ja sowieso weiter.“ Meine volle Aufmerksamkeit. Ganz da sein, ist es nichts mehr wert? Neugierde. Sind Nachrichten so viel wesentlicher als menschliche Erfahrungen? Erzählungen aus erster Hand. Ist das Handy an die Hand geklebt und die Kopfhörer am Ohr angewachsen, ist diese Nähe tatsächlich schöner? Aber kann diese Technologie bezeugen?
Wofür sollen unsere Leben Zeuge sein?
[Ende Theorie und Exkurs ins Metaphysische]
Ein Lächeln, so was, das würde mir schon reichen. Ein Bonjour, ein Bon appetit. Petites choses comme ça.
Ich versuche eine souveräne Reisende zu sein, aber ich bin innerlich aufgewühlt.
Check. Es gibt Strom, wenn du einen Fensterplatz hast, oder einen netten Sitznachbarn, den dein Kabel nicht stört.
Frau schickt hässliche Fotos von Stützstrümpfen an Mann, um die Vorfreude zu vergrößern. “ Die ist eh nicht so schlimm, die tut nur so.“
Ich sitze neben einer älteren Frau.hellblauer Pulli mit Strass Elementen. Sie lächelt nur,als das Gurt anlegen klappt. Dann schläft sie. Die Hände verschränkt. Breite, arbeitsreiche, abgeschmirgelte Hände.
Unter welchen Umständen werden wir uns wiedersehen? „Mon amie, elle va mourir. Bon, j’espère pas dans les prochains mois.“ Ich atme durch, alte Angst, wieso jetzt?
Natürlich, sage ich das nicht. Welche Gedankenfelder und Emotionen hängen noch über jedem einzelnen Passagier?
Der Chauffeur setzt sein Kapperl auf. Nichts kann ihm jetzt auf seinen Kopf, nur die Strasse vor ihm hat seine Aufmerksamkeit.
2 Frauen umarmen und herzen sich. Die eine gibt der anderen ein zusammen geknülltes kleines, blaues Papier. In Wirklichkeit ist es ein Origami Kranich. Der alte Japaner in der japanischen Boutique in Rennes hat es ihr zu ihrem Kauf dazu gegeben. Höflichkeitsgeste. Hier am Gare de Routière hat es eine besondere Bedeutung. Es bedeutet Glück und Gesundheit. Sei gesegnet und begleitet auf all deinen Wegen.
On the road again.der Ginster grüßt vom Fahrbahnrand.

11 Minuten braucht es, bis die Passagiere sich aus ihrer Sitzplatz Starre lösen. Gepäck rangieren, trinken, ein paar Worte wechseln.
L’aire de Mayenne. Mittagspause. Strecken und taumeln auf der Hundegackiwiese, dazu 3 Kekse und ein purée de pomme. C’est parfait!