Fast Monikas schönster Tag – Tag 34

Monika war auf allen Vieren, ihr schönes, hellgelbes seidenschimmerndes Kostüm, schien in einem schönen Kontrast zu den violetten Glyzinien, die das metallene Geländer des Balkon streiften und und das ganze Steinhaus in einem südlichen Flair tauchten, eine Leichtigkeit und Genuss am Leben, mit dem das Hotel am See geworben hatte.

Sie war nicht überrascht gewesen, dass er ihr diese Reise vorgeschlagen hatte, sie hätte nur gedacht, dass es weiter in den Süden gehen würde. Sie wusste, dass er wusste, dass sie beide ein Auszeit brauchten. Sich anschweigen und der graue Nebel der Stadt, das war keine gute Begleitung durch den Winter. Sie redeten nicht mehr als in ihrer Stadt, aber sie spürten doch die Aufregung die mit der Ortsveränderung einher ging, die leisen Seufzer der Bewunderung für den gelungenen touristische Moment und die damit einher gehende Entspannung, die sich in kleinen Wellen direkt auf das Gegenüber übertrug.

Eine weiße Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht, sie streifte sie hinters Ohr. Es war kein jugendliches Gesicht mehr, aber doch weniger von Falten durchzogen als eine Frau ihres Alters. Sie war vor kurzem sechzig geworden. Ihre groben Hände tasteten über die Holzplanken. „Bitte nicht in eine Ritze hinein, bitte nicht!“ dachte sie. Sie konnte nur hoffen, dass ihre schöne, weiße Strumpfhose nicht zerriss. Sie hatte sie extra für diese Reise besorgt. Wie sie überhaupt nur die schönen Stücke eingepackt hatte. Eine Frau von Welt auf Reisen, so wollte sie erscheinen, umgarnen. Und jetzt das, das wertvolle Stück! Sie wusste genau wo in Konstanz sie zu welchem Juwelier gehen konnte, um es prüfen zu lassen.
Sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass er sich so schnell für sie entschließen würde. Und plötzlich war er so gut gelaunt, statt depressiv, und hatte ihr gleich am zweiten Tag einen Antrag gemacht. Der sehr schöne Ring mit dem Rubin und Diamanten, sie wusste, dass sie nicht die erste Frau war, der er am Finger gesteckt war, aber manchmal muss man nehmen, was man kriegen kann.

Ein bisschen viel Spiel war ihm auch aufgefallen, wo ihm sonst nicht so viel an ihr auffällt, außer es passt zu seinen Erzählungen. Ihre glatten, weißen Haare passten wunderbar zu dem schneebedeckten Gipfel des Fuji-san. Das freute sie sehr, wenn er ihr das sagte, und dabei ihr Haar andächtig streichelte. Japan war ein Ort, den Ulrich schätzte. Das hatte er mehrmals erwähnt, besonders die ästhetisch angelegten Parkanlagen und Nihonga Malerei, als auch das washi-Papier verehrte er. Auch wenn sie keine echte Japanerin war, hatte sie doch lange genug dort gelebt, um das zurückhaltende Wesen der über die Brücke eilenden Geishas zu studieren. Ihre Mutter hatte sie immer in den Arm gekniffen „Schau genau hin. Lerne! Aber werde nicht wie sie!“ Das Dienen als Überleben, ja, aber schließlich gab es noch ein anderes, ein eigenes Leben. Ihre Werkstätte zum Beispiel. Sie dachte daran, dass Zeng für nächste Woche einen Besuch angesagt hatte. Sie würde den Ring nie dort tragen, nicht vor ihren Kunden. Wenn sie ihn fand. Ihr blieben noch fünf Tage Zeit.

Foto von JJ Ying auf Unsplash

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