Oma Ernis Gesang – Tag 26+4

Oma Erni war meine Ikone. Sie machte als hundertjährige noch Gymnastik und flirtete mit den Menschen um sie herum. Sie liebte die Körper, aber vor allem die Blumen. Oma Erni, eigentlich Ernestine Kovacek’s Tür stand für die Nachbarschaft immer offen und manchmal musste man warten bis man sich mit ihr unterhalten konnte. Wenn aus ihrem Schlafzimmer, das auch Empfangszimmer war, leises Schluchzen kam, weil sich gerade mal wieder jemand bei ihr ausweinte. Oma Erni hatte ein großes Herz und große Ohren. Sie kannte jeden in unserem Haus und sie war allgegenwärtig.

Oft hörte man ihren Gesang durch das Haus hallen. Manchmal war es eine fröhliche Melodie, oder ein Pfeifen, das abwechselnd mit dem Zwitschern der Vögel erklang. Manchmal waren es aneinander hängende Töne, die schauerlich klangen.

Einmal, ich half gerade die Frühlingsblumen einzusetzen im Hof (Oma Erni betreute auch alle Blumen im Haus und veranstaltete Gartenpartys), dafür durfte ich Radieschen und Erdbeeren in ein eigenes kleinen Blumenkistel setzen, fragte ich sie schüchtern, aber meine Neugierde bewegte mich in diesem Moment zu sehr, warum sie manchmal so schöne und manchmal so unheimliche Musik machte.

Sie hörte auf mit umgraben und schaute mich lächelnd an.“ Findest du also? Du findest, ich singe nicht schön?“ Es war wahnsinnig peinlich. Ich wurde rot, so erdbeerig, wie meine zukünftigen Früchte, liefen meine Wangen an. „Nein, das wollte ich nicht. Entschuldigung.“

Sie lachte. “ Wenn ich dir jetzt sage, es ist gar keine Musik!“ Ich stutzte. Machte sie sich über mich lustig ? „Es ist Sprache. Bloß der Ausdruck von Stimme.“ Ich war perplex. Was wollte sie mir damit sagen. “ Nicht meine Stimme, sondern ihre!“ erklärte sie mir feierlich an diesem Nachmittag im April.

“ Hör mal zu. Es gibt so vieles um uns herum. Gegenstände, Menschen, Tiere, dazwischen wir mit unseren Körpern. Wenn es dir also unheimlich vorkommt, was du an Tönen erlauschst, dann muss ich dir sagen: im Gegenteil. Es sind die offenbarten Töne dessen, was uns umgibt. Und diese zu hören, ist ein Geschenk.. vielleicht unüblich sie zu hören, aber es sollte dir nicht unheimlich vorkommen. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, ihnen meine Stimme zu leihen und dann ihrem Ausdruck zu lauschen. Mit der Zeit bin ich mit ihnen so vertraut geworden im Hören, wie das Geräusch der Regentropfen, die auf die Fensterbänke klatschen.“

Sie klopfte mir freundschaftlich auf meine Schulter und fing wieder an zu graben. “ „Und kannst du das mit allem?“ Ein Marienkäfer lief neugierig an unserem Beet vorbei. Oma Erni machte ein hohes „Hiiiiii“ und fing dann laut zu lachen an. “ Frag mich nochmal, wenn du deinen nächsten Wackelzahn hast, dann probieren wir was aus!“ Der Marienkäfer flog weg. Waren wir ihm auch ein Rätsel?

Gasthaus Geschichte für hungrige Buben – Tag 24+1

Ich sitze hier und warte , alle warten, die Schnitzel kommen nicht.
Die Puten sind nach Hause gegangen und wollten sich nicht braten lassen!
Doch halt ! Der Koch hat in der früh die Puten , die Toten, frisch vom Markt geholt.

Der ganze Tisch hat Hunger. Nein, die Leute die um den Tisch herum sitzen, die haben Hunger. Einen Bärenhunger, und in den Bäuchen sind Löcher! So fühlt sich das an. Aber dann doch nicht! Sonst wären ja die Getränke aus dem Bauch gespritzt, wenn da ein Loch wäre!

Café Rüdigerhof

Was können wir machen?
Schreiend in die Küche laufen?
Einen Kochlöffel nehmen und den Koch bedrohen?
Ich befürchte, dann bekommen wir Lokalverbot und auch kein Essen!

Wir müssen warten, wir könnten noch was spielen ?
Aber was?
Eine Römer Geschichte?
Nein, dazu brauchen wir Playmobil.

Nächste Woche werden die Römer die Kelten belagern, sie werden kommen und sie werden einen Belagerungsturm dabei haben! Da werden die Kelten schauen! Das haben sie sicher nicht erwartet. Wahrscheinlich werden sie versuchen , sich im Wald zu verstecken, aber irgendwann müssen sie da wieder raus . Irgendwann werden sie Hunger haben!
Und dann werden die Römer sie schnappen! Sie werden sie einkreisen und mit ihren Schwertern bezwingen! Klack, klack werden die Klingen schwingen.

Parkplatz – Tag 24

Auf einem großen Parkplatz in der Stadt stehen zwei Minibusse nebeneinander. Der eine ist weiß, der andere blitzblau. Wenn man in den weißen Bus bei der Heckscheibe rein sieht, fallen einem die rot gemusterten Pölster auf, die gegen die Scheibe gequetscht sind und die hellen Vorhänge mit Blümchen. Ein Auto als Puppenheim in groß verwirklicht.

Das blaue Auto ist alt und leer. Die Sitzbänke der hinteren Reihe sind umgeklappt und da liegt ein Kind, ein Mantel über sich drüber. Unter dem Kopf ein flacher Polster Sie wollte ihm mehr anbieten, aber er schläft gerne so. Sie ist froh, dass er mitgekommen ist. Die Frau streichelt ihrem Sohn über den Kopf, der im Kofferraum liegt, die Beine zum Fahrerraum gestreckt.

Sie macht den Kofferraum zu und probiert mehrmals den Schlüssel im Schloss zu drehen. In Zukunft muss sie die großen Parkplätze finden.

Die Frau von dem Puppenheim kommt auf sie zu. Sind sie neu hier? Wollen sie was trinken? Zu schneller Einstieg in die Community. „Ich fahr jetzt rauf auf den Berg.“ „Das ist eine schöne Strecke! Viel Serpentinen und Schotter. Manchmal etwas eng!“ Ich sage ihr das, damit sie weiß,dass sie manchmal zurück fahren muß, wenn ihr jemand entgegen kommt. Auch wenn der, der den Berg runter kommt, das eigentlich tun sollte. Ob die Franzosen das auch wissen? Ich komme gerade von dort. Von der Forschungsstation .

Ich habe vergessen, dass ich eigentlich noch einen Vortrag halten wollte. Am Nachmittag wäre ich dran gewesen. Ich bin umgeben von hohen Häusern. Die erinnern sich nicht daran. Ihre staubigen Mauern, weiß und hellorange und gelb spiegeln nicht meine universitäre Laufbahn wieder. Diese Frau, die in weißen Glockenhosen beim blauen Auto steht. Große Wangenfüllende Sonnenbrille aufsetzt. Sie öffnet die Fahrertür und steigt die Stufen rauf. Lächelt über den Staub und das weiße Regal, das sie demnächst einbauen wird.

Die besondere Reihe auf der besonderen Fahrt – Tag 23


Die Frau, die über dem Feuerlöscher sitzt und deren Handgepäck nicht unter den Sitz passt. Warum wohl?
Dafür hat sie 5 Personen mehr kennengelernt, als andere.
Der Mann, der in der letzten Minute kommt und der ein Buch über 40 Afroamerikaner liest ( Meine schwarzen Sterne“) und wie sie Rassismus erlebt und bekämpft haben. Warum wohl?

Check. 57 Plätze, 700 kg Gepäcksgewicht. Keine Stehplätze, keine Rollstuhl Plätze.

[Theorie]
Irgendwie das alte Bilder der Solidarität unter Reisenden, das Gemeinschaftsgefühl, die Neugierde, wer sind wir alle hier, es existiert nur auf anderen Kontinenten, auf Instagram wahrscheinlich schon. Nicht in einer Gesellschaft, wo alle müde und abgekämpft aussehen, aber es ihnen noch so gut geht, dass sie nichts teilen und sich nicht mitteilen müssen. Ich nehme an, in osteuropäischen Ländern wird es noch anders sein. „Komm zurück in die Realität, Sophie.“ Höre ich meine Freundin sagen. “ Die Leute wollen einfach nur von A nach B. Dafür muss man nicht gut gelaunt sein.“ Und auch: „und warum sollten sie sich dir anvertrauen? Du reist ja sowieso weiter.“ Meine volle Aufmerksamkeit. Ganz da sein, ist es nichts mehr wert? Neugierde. Sind Nachrichten so viel wesentlicher als menschliche Erfahrungen? Erzählungen aus erster Hand. Ist das Handy an die Hand geklebt und die Kopfhörer am Ohr angewachsen, ist diese Nähe tatsächlich schöner? Aber kann diese Technologie bezeugen?

Wofür sollen unsere Leben Zeuge sein?
[Ende Theorie und Exkurs ins Metaphysische]

Ein Lächeln, so was, das würde mir schon reichen. Ein Bonjour, ein Bon appetit. Petites choses comme ça.

Ich versuche eine souveräne Reisende zu sein, aber ich bin innerlich aufgewühlt.

Check. Es gibt Strom, wenn du einen Fensterplatz hast, oder einen netten Sitznachbarn, den dein Kabel nicht stört.

Frau schickt hässliche Fotos von Stützstrümpfen an Mann, um die Vorfreude zu vergrößern. “ Die ist eh nicht so schlimm, die tut nur so.“

Ich sitze neben einer älteren Frau.hellblauer Pulli mit Strass Elementen. Sie lächelt nur,als das Gurt anlegen klappt. Dann schläft sie. Die Hände verschränkt. Breite, arbeitsreiche, abgeschmirgelte Hände.

Unter welchen Umständen werden wir uns wiedersehen? „Mon amie, elle va mourir. Bon, j’espère pas dans les prochains mois.“ Ich atme durch, alte Angst, wieso jetzt?
Natürlich, sage ich das nicht. Welche Gedankenfelder und Emotionen hängen noch über jedem einzelnen Passagier?

Der Chauffeur setzt sein Kapperl auf. Nichts kann ihm jetzt auf seinen Kopf, nur die Strasse vor ihm hat seine Aufmerksamkeit.

2 Frauen umarmen und herzen sich. Die eine gibt der anderen ein zusammen geknülltes kleines, blaues Papier. In Wirklichkeit ist es ein Origami Kranich. Der alte Japaner in der japanischen Boutique in Rennes hat es ihr zu ihrem Kauf dazu gegeben. Höflichkeitsgeste. Hier am Gare de Routière hat es eine besondere Bedeutung. Es bedeutet Glück und Gesundheit. Sei gesegnet und begleitet auf all deinen Wegen.

On the road again.der Ginster grüßt vom Fahrbahnrand.



11 Minuten braucht es, bis die Passagiere sich aus ihrer Sitzplatz Starre lösen. Gepäck rangieren, trinken, ein paar Worte wechseln.

L’aire de Mayenne. Mittagspause. Strecken und taumeln auf der Hundegackiwiese, dazu 3 Kekse und ein purée de pomme. C’est parfait!

Hinaus 21+1

Auf der Autobahn, die hier im Kirschdorf die Spaziergänge begrenzt , fahre ich hinaus ins Grüne und zu dem Blauen. Meer und Fluss.

Irgendwie hatte es der Blauwal geschafft, sich in den gestauten Fluss zu verirren, und er wurde mit Helikopter, Motorboot und viel Tamtam zurück ins Meer getrieben.

Der alte Seebär zieht sich seine ölverschmierte Jeans an und geht den Motor des Boots entwintern.

Ich sitze mit meiner Cousine am Tisch. Oberhalb der Tischkante prasseln nie gehörte Geschichten aus unserer Familie auf mich ein, und unterhalb der Tischkante wuseln drei zärtliche Hunde, die abwechselnd gestreichelt werden wollen, bis sie sich gemütlich zu unseren Füßen legen. In unserem Plauschen lachen und weinen wir abwechselnd. Es tut gut, einander Zeuge zu sein.

Hinaus, hinaus, die Natur umarmen! Die Hunde laufen voraus, unten suchen französische Kinder mit ihren Großeltern nach Muscheln im Watt. Sie rufen und laufen mit ihren Kübeln.

An einem Gartenzaun sitzt eine Frau im Kies und jätet Unkraut, sie hält meine Cousine auf und erzählt ihr von einer anderen Nachbarin, die schwer krank ist.

Jeder kennt jemanden, der krank ist und alle, die Kranken und die sie umsorgenden Gesunden müssen sich die Sorgen von der Leber reden.

Irgendwann steige ich in den Bus, im Haus warten schon die nächsten Gäste.

An der Haltestelle steht ein offener Bücherschrank, wie so viele hier in Frankreich. Ich zupfe mir ein Buch heraus, und schlage es im Bus auf.

Es ist von einer Frau, Geneviève, die ein Buch über ihre Krankheit schrieb, es heißt der Aufschwung, l’Embellie. Wahllos blättere ich und lese von Krankheit, Müdigkeit, Tod. Auf der letzten Seite die Zeilen über ihre Heilung. Im Buchinneren eine Widmung für Maud. Haben es beide geschafft?

In Rennes das volle Leben, Abendsonne.lachende, spielende Franzosen.

Morgen werden an derselben Stelle tausende Franzosen ihre Wut gegen die Politik herausschreien.

Im Bus müde, stille Heimkehrer. Ich bin auch müde, meine Freundin ist müde. Angespannt. Ich erzähle ihr von den Hunden und dem Meer, dass auch dort Menschen erkrankt sind. Sie antwortet, dass die Umwelt voll mit Giften ist. Es klingt verbittert. Sie würde sagen neutral. Ich weiß, das sie Recht hat und will es nicht sehen. Lieber die Haare der Hunde auf meinen Kleidern verehren.

Vielleicht haben wir anderen auf unserer Seite, die nicht schwer erkrankten noch Glück gehabt und uns blüht allen eine schwere Krankheit. Bis dahin haben wir das Glück, dass es sich noch leicht anfühlt, zwischen den Welten zu wandern. Und wir fast jederzeit hinaus schlüpfen können, weil wir die Energie haben und weil wir frei sind uns zu entscheiden.

Ein großes Geschenk. So denke ich im Moment.

Schnüre im Universum- Tag 21

Elefanten laufen auf der Autobahn neben Fußgängern.
Ärzte rufen nicht zurück, obwohl jeder Tag zählt.
In deinem Herz hörst du das erste Mal “ Ich bin schön und stark.“
Das verängstigte in der Ecke sitzende kleine Kind, hebt den Kopf und horcht auf.

Demonstranten, oder die, die nach den Demos kommen,
schlagen alles kurz und klein.
„Enthaupten“ , „Tremblez Bourgeoisie.“
Eine Apothekerin sagt, wer sich von den ApothekerInnen nicht impfen ließ, bekam ein Strafverfahren beim Tribunal und die Partner wurden angerufen, dass diese Apotheke geschlossen wäre, selbst wenn sie offen war.
Es sind Dinge passiert, für viele, die nicht hätten passieren dürfen.
Ich nehme meine Anti-Thrombose Strümpfe
und gehe neben meiner Freundin durch die Stadt.

Egal, wie ich nach Hause komme,
es wird eine lange Fahrt,
nicht nur die Kilometer und Stunden,
auch der Sprung von einem Leben ins andere.

unser Leben in Wien ist so geordnet,
voller Freude und Liebe und ja, etwas Arbeit.
alles ist sauber, klar, auch wenn es ein paar Idioten gibt,
die versuchen zu betrügen oder kaputt zu machen.

Hier ist es absurd, unklar
und es fällt schwer,
täglich zu kämpfen, dass du dich noch spürst.
dich nicht ganz verlierst auf diesem Weg,
dich aufgibst und fallen lässt in dem „ich bin eh krank“.
“ Ich kann gar nichts tun“, glaubst, du darfst nichts als krank sein und den Umständen gehorchen.

Es fühlt sich an wie Mathematik,
ich schaue auf ein Bild voll mit Linien,
nicht krixikraxi, aber vielleicht schon,
Linien, die in Parallelen verlaufen,
unsauber gezeichnet.

Die einen sagen, man muss nur 1+1 zusammenzählen,
das sagen lustigerweise auch die anderen,
während sie sich benachrichtigen von beiden Seiten,
die einen auf der Straße,
die anderen aus dem surrenden Kastl.

Ich suche die Unendlichkeit,
den Anfang des Chaos und das Ende.

da außerhalb des Blattes liegt meine Sicherheit,
und tief drinnen,
unterhalb des Blattes,
unter dem Tisch,
unter dem Haus,
in der Erde und tief unter der Erde,
irgendwo dort,
vielleicht bin ich dann schon im All,
ein Punkt meines Bewusstseins aufgehängt auf der einen Seite,
wo auch die Erde aufgefädelt ist,
die andere Seite aufgehängt auf irgendeinem Stern,
schaukle ich in diesem Spiel,
sanft und verankert.

Gram verweht – tag 20

Gram.
Gram wiegt schwer.

Ich sehe dich lachend stehen im Wind, dein schlohweißes Haar weht mit den Wellen, die dich umgeben.
Im Hintergrund die Dünen und das weiße Haus.
Dein Zuhause.

Zu einer anderen Zeit,
an einem anderen Ort warst du wie fest getackert – angeheftet.
unbeweglich – Maschinen auf dich einhauend.
Manche grob, manche subtil.
wie an einem Kunstwerk feilend.

Als es plötzlich nichts mehr zu tun gab,
der bearbeitete Stein als Schutt um dich herum lag,
da beuteltest du dich ab
und gingst.

kein Gruß war notwendig,
denn die Menschen an diesem Ort
du würdest sie nicht wiedersehen.

Ein Anruf ereilte dich,
es war ein ruhiger Vormittag,
es war so warm, dass du das Fenster geöffnet hattest,
und du die Vögel zwitschern hören konntest,
in der Zwischenzeit hattest du gelernt, sie auseinanderzuhalten und sogar zu bestimmen,
ein Löwenzahn-Samen segelte durch die Luft an dir vorbei.

eine altbekannte Stimme,
die, die dich immer in Alarmbereitschaft versetzte.
Ich sag es Ihnen jetzt gleich hier.
Wir haben nichts mehr gefunden.
Ihre Werte sind gut.
Sie sind gesund.

Du wartest, ob noch etwas kommt.
Aber es ist nur Stille im Telefon.
Ganz sanft, in Zeitlupe, erreicht dich diese Nachricht,
wie ein Tautropfen auf der Blüte glitzernd die Morgensonne einfängt um dann plötzlich nach langer Betrachtung auf den feuchten Boden herunterkullert und zerplatzt.

Du legst auf.
Sitzt still da. Hörst die Vögel zwitschern,
die Sonne als Reflexion am Häuserdach gegenüber spiegelt,
der Himmel ist wolkenlos.
Du lächelst. „Heute könnte ein guter Tag, sogar ein schöner Tag werden.“
Tränen rinnen dir die Wange hinunter.

Du öffnest die Haustüre, gehst hinaus auf die Straße.
Alles schaut wie immer aus und ist dir wohlbekannt.
Kein Johlen, kein Freudentanz von den entgegenkommenden Menschen.
Das Leben hier geht weiter wie immer.
Du gehst, spürst deine Füße auf dem Boden, spürst deine Kraft in dir, atmest tief ein- da ist kein Widerstand. Und du gehst.
„Ich bin frei. Das war’s für mich hier.“
der Gedanke macht sich Raum.

Du verlässt den Kirschenort, den trügerischen,
der nur im ersten Anschein kokett war, plötzlich
nicht mehr so nett war. Doch all das war einmal.
Du bist frei.
Läufst mit den Möwen und Hunden im Wind.

Unregelmäßig – tag 18+2-1

Strand von Montpellier , Sommer 2022

Zwei Tage nicht geschrieben. Es ist gar nicht so einfach zu erleben und zu schreiben, zu reden und zu schreiben. Sich leer zu machen nach einem Tag, um zu schreiben.zu denken und zu schreiben. Arbeiten und noch schreiben. Mehr sehen und verstehen, während man nicht alles begreift, das Gefühl haben, alles ist zu komplex, wie soll ich darüber schreiben?

Ich versuche also kleine Dinge festzuhalten, wo ich kann. Ich überlege. Zwei Absätze. Zu komplex.

Nein, ich kann es nicht.

Ich halte also fest, worüber ich nicht schreiben kann.

  • Demonstrationen in Frankreich und in der Stadt Rennes
  • Interessen und Politik
  • Reformen versus Systemwandel, Reiche und Arme
  • Innensicht und Aussensicht auf die Dinge – wie lebt es sich, wenn man immer an das Gute glaubt, während es rundherum faktisch sehr vielen Menschen sehr schlecht geht. Mein Lieblingsausdruck für Dinge, die nicht gehen ist „sie gehen noch nicht“ – Paralleluniversen
  • Gottvertrauen – Ohnmacht – Fatalismus gegenüber von Krankheit
  • Schlechter Humor. „Geschmacklos“, eher taktlos, heimlich ich für mich. Ich, wenn ich Slapstick mache.
  • Trügerischer Schein und Spurensuche. Was wird gesagt, aber es stimmt nicht in der Politik, von allen Seiten. Was gibt es an Elementen ( Infrastruktur zum Beispiel), die einer Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden, aber sie funktionieren nicht? Oder nur für wenige oder nicht für alle.
  • Es fällt mir leichter, die Spuren von Ungereimtheiten in Österreich zu erkennen als hier in Frankreich. Natürlich ich lebe nicht hier. Das führt mich zu meinem letzten Punkt auf der Liste
  • Feldforschung – Goldgräber Stimmung für Anthropologen. Warum Vezin ein toller Ort dafür ist. ( Wenn man die Zeit und Mittel hat, und nicht zufällig eine, seine, nein meine ! Familie auf einen wartet).

Jetzt ist es also doch nur 1 Tag geworden, den ich in Verzug geraten bin. 18+1. ( Wenn ich am nächsten Tag in der Früh schreibe, zähle ich es zum Vortag).

die Verortung eines Vororts – tag 17

Es gibt Menschen, die setzt du irgendwo aus, und sie finden immer den Weg zurück. Die wissen, wo der Norden ist, verwechseln rechts nicht mit links, haben einen guten Orientierungssinn. Ich gehöre zu der anderen Hälfte. Die, die sich prinzipiell verlaufen und wenn sie rechts sagen, links meinen. Deswegen ist es mir so wichtig, vielleicht, denke ich, Strukturen zu erkennen, wenn ich mich wo aufhalte. Und Geschichten oder ihre Spuren erzählen viel über einen Ort.

Ich bin hier nun in diesem Vorort von Rennes, Vézin-le-Coquet. Das kokette Vézin.

Es liegt 6,2 km westlich (das ist links auf der Karte) vom Stadtzentrum, also der place de République und etwa 3 km von der Stadtgrenze. Mit dem Bus fährt man eine viertel Stunde und zu Fuß würde man etwas über eine Stunde gehen.

Es ist ein für mich irritierender Ort. Warum?
Ich habe noch keine klare Struktur erkannt. Es gibt wohl einen Mini-Ortskern, aber der wird gerade demoliert, um funktionelleren Gebäuden Platz zu schaffen.


Es gibt schöne, nett hergerichtete Einfamilienhäuser mit netten Vorgärten.

Es gibt die bunten Betonkisten- Mehrfamilienhäusern, die mehr und mehr und etwas mehr werden.

Das ehemals vornehme Vézin kokettiert mit der Neuzeit und verliert dabei seinen Charme oder was es war. Das geschieht jetzt gerade. Vororte Schicksal wahrscheinlich.


Es gibt eine Hauptstraße mit zwei Apotheken, zwei Busstationen (eine für jede Richtung). Es gibt ein Altenheim, eine Volksschule. Eine toll ausgestattete Mediathek und Bibliothek.
Es gibt asphaltierte Wege, die manchmal gerade, manchmal in Kurven sind.
Es gibt Mistkübel, die in den Boden eingelassen sind ( und trotzdem devastiert sind), es gibt einen offenen Bücherschrank, wo man auch mal eine pinke Gitarre findet ( die war nach einem Tag schon mitgenommen), es gibt einen Gemeinschaftsgarten, eine Pizzeria, einen burmesisches Feinkostladen!

Es ist ein ruhiger Ort, manchmal hört man Vögelgezwitscher, manchmal Musik und Motorenaufheulen von gelangweilten herumstehenden Jugendlichen mit über dem Kopf gezogenen Hoodies. Frauen mit Kopftuch und mehreren Kindern an der Hand auf den Wegen und Frauen mit Halstuch alleinstehend oder mit ihrem älteren Mann ( im Auto). Menschen aller Nationen. Die alteingesessenen, der Mittelstand und die, die seit ca. 10 Jahren aus den Problemvierteln der Hauptstadt Rennes gezielt in den Sozialen Wohnbau in den Vorort verschoben werden. So erzählen es die Taxler, ich muss noch andere Quellen finden. Einmal in der Woche werden, so erzählen Anrainer, die Geschäftsfassaden demoliert, sonst ist es ein beschaulicher Ort, keine Proteste gegen Reformpakete wie in der Stadt, nur beschauliche Langeweile.



Wenn man den Blick über die Häuserdächer erhebt, wird einem die Weite des Himmels auffallen, das Wolkenspiel, das sich jede Minute ändert, man kann den zu erwartenden Regenguss fast auf die Minute bestimmen. Das unglaubliche Licht, sanft und zart und hell, das von einer Klarheit ist, die wahrscheinlich in jedem Reiseführer für jeden pittoresken Ort der Bretagne schon oft beschrieben wurde, und je nach eigener Positionierung, die Hochspannungsleitung, die sich schön quer durch den Ort zieht.

Sukzessive, Zug um Zug, auf meinem inneren Schachbrett, werde ich beginnen die Ränder abzugehen. Heute überquerte ich in charmanter Begleitung die Rue de Rennes (D125) = Hauptstraße in westlicher (?) Richtung.

Ich begegnete alten Bauernhöfen, nur mehr von Einzelpersonen bewohnt, schöne Gemäuer neben einfachen Einfamilienhäusern, plötzlich um die Ecke auftauchenden Kleingärten, Ziegenherden neben toll konstruierten gezimmerten Baumhaus Ritterburgen.



Wir gingen einen Feldweg entlang, der war gesäumt von Bäumen, Heckenrosen und Himbeerstauden, viel grün jedenfalls, unter einem surrenden Hochspannungsleitung durch, bis der rauschende Lärm der route nationale, der N12 nicht mehr zu überhören war..

Wir kehrten um. Bei dem schönen Haus, mit dem großen Tor, das mit dem Grün des Weges verwachsen war.



Kamelie und Café Viennoise – Tag 16

Hier ist ein Ort zum Sitzen und Warten. Meistens alleine. Man kann Kaffee trinken, der nicht nach Kaffee schmeckt und über die Kamelie draussen staunen, die im April bereits im verblühen ist, während die anderen Blumen sich gerade erst heraus wagen mit ihren kleinen hellgrünen Knospen.

Ich zapfe mir neugierig einen Café Viennoise aus dem Automaten. Hmm. Ich weiß nicht so recht. Undifferenziert. Ich grinse. Als ob es wichtig wär, was französische Automaten Hersteller als wienerisch interpretieren, aber ein Witz über Speisen und Getränke ist immer unverfänglich. Geht locker.Muntert auf. Fast. Provokativ in einem Raum, wo es leise und bedächtig zugeht. Keiner wird sich alleine einen Witz erzählen, während er die Infusionsflaschen auf dem Gestell neben sich herziehend, herum schlurft, mit dem Ziel vielleicht noch eine zu rauchen vor dem Haus. Ich weiß, dass allein meine Schritte dorthin zum Automaten in diesem Salle d’attente eine Abgrenzung darstellen. Zu den Leuten, die keinen Kaffee trinken dürfen, weil es ihr Magen nicht mehr verträgt, oder nicht vor der Chemo. Ich sitze neben meiner Freundin.

Sie ist seit mehreren Monaten mit Krebs konfrontiert. „Ich glaube immer noch, ich bin im falschen Film.“ sagte sie mir eben.

Wir reden lange am Abend. Wie geht das nochmal mit dem guten Ende schreiben? Was muss die Heldin alles erlebt haben, welche Wandlung vollzogen, damit sie am Schluss als Gewinnerin aus der ganzen Geschichte hervorgeht! Oder ist es einfach Glück?

Es fällt mir schwer, Worte zu finden, ja überhaupt Gedanken irgendeiner Spur von Richtung nachgehen zu lassen, weil es sich unehrlich anfühlt. Weil ich ja nicht echt betroffen bin, sondern nur daneben stehe. Und dennoch muss ich etwas schreiben, irgendetwas versuchen, was das ausdrückt, was diese Krankheit, die uns Freunde und Familie seit Monaten begleitet, ausgelöst hat, während wir unsere Freundin begleiten. Etwas, was herankommt an den Kern meiner Erschütterung. Heimtückische Arschloch – Krankheit!

Aha, während ich das schreibe, merke ich, da ist ganz viel Wut. Tränen laufen gerade über mein Gesicht. ( Und mein innerer Therapeut hat sich dazu geschalten, er wird mich gleich besänftigen und vertrauensvolle Sätze schreiben, die sich so weise und zuversichtlich anhören.)

Oder nicht.

Oder einfach durchatmen. Langsam ein und ausatmen.

Das tut gut, das wird besser.

Anerkennen, dass es so viele Unsicherheiten und Ungereimtheiten gibt im Leben. Wir können uns nur begleiten dabei. Das ist doch schon viel. Und die Momente von Schönheit und Zweisamkeit und absurden Momenten, die das Leben schreibt, wertschätzen. Vielleicht nur das. Ist doch schon viel, oder?